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Angst davor, mehr zu sein. Wenn Essstörungen nicht nur vom Körper erzählen, sondern vom Leben

  • Autorenbild: Christina Glowka
    Christina Glowka
  • 29. Apr.
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Mai


In meiner therapeutischen Arbeit mit Mädchen, jungen Frauen und Patientinnen mit Essstörungssymptomen begegnet mir immer wieder ein Thema, das auf den ersten Blick vielleicht körperbezogen wirkt – bei genauerem Hinsehen aber viel tiefer reicht.

Es geht nicht nur um die Angst zuzunehmen. Nicht nur um die Zahl auf der Waage. Nicht nur um den Blick in den Spiegel.

Häufig geht es um ein tiefes inneres Gefühl von:

„Ich bin nicht gut genug.“

„Ich bin nicht richtig, so wie ich bin.“

„Ich fühle mich nicht zu Hause in meinem Körper.“

Und manchmal zeigt sich darunter noch eine weitere, sehr berührende Frage:

Darf ich überhaupt mehr sein?

Mehr Raum einnehmen.

Mehr spüren.

Mehr wollen.

Mehr leben.

Mehr sichtbar sein.

Mehr Kraft haben.

Mehr Freude empfinden.

Mehr von mir selbst zeigen.

Gerade dieses Wort „mehr“ ist im Zusammenhang mit Essstörungen oft erstaunlich negativ besetzt. Mehr wird schnell gleichgesetzt mit: zu viel, unkontrolliert, ausufernd, dick, falsch, beschämend. Ein „Mehr“ erscheint dann nicht als etwas Lebendiges oder Kraftvolles, sondern als Bedrohung.

Dabei kann „mehr sein“ etwas ganz anderes bedeuten.

Mehr Energie.

Mehr Lebendigkeit.

Mehr innere Stabilität.

Mehr Verbindung zum eigenen Körper.

Mehr Mut, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen.

Mehr Freude am Leben.

Mehr Kraft, für sich selbst einzustehen.

Mehr von dem tun können, was einem wirklich wichtig ist.

In der Essstörung verengt sich der Blick oft sehr stark auf Kontrolle, Körperform, Gewicht, Essen oder Nicht-Essen. Gleichzeitig entsteht innerlich häufig ein Rückzug vom Leben: weniger spüren, weniger brauchen, weniger auffallen, weniger Raum einnehmen, weniger Risiko eingehen. Das kann kurzfristig Sicherheit geben – langfristig aber wird der eigene Lebensraum immer kleiner.

Deshalb ist es in der Behandlung so wichtig, nicht nur über Essen, Gewicht oder Verhalten zu sprechen, sondern auch über die Bedeutungen dahinter.

Was bedeutet es für dich, mehr zu sein?

Wovor hast du Angst, wenn du mehr Raum einnimmst?

Was glaubst du, was andere dann über dich denken?

Welche Bilder entstehen in dir, wenn du dir vorstellst, kraftvoller, lebendiger, sichtbarer zu werden?Und welche Stimme in dir sagt vielleicht: „Das darf ich nicht“?

Solche Gedanken sind nicht einfach „persönliche Schwächen“. Sie sind oft Teil der inneren Logik einer Essstörung. Eine Logik, die Leben begrenzt, Lebendigkeit verdächtig macht und den eigenen Körper zum Ort von Kontrolle und Kritik werden lässt.

Therapeutisch geht es deshalb auch darum, diese alten Bedeutungen zu hinterfragen und neu zu beleuchten.

Ein Körper darf nicht nur „funktionieren“.Er darf ein Zuhause werden.

Ein Mensch darf nicht nur kontrolliert und angepasst sein. Er darf lebendig sein.

Und „mehr sein“ darf wieder etwas Positives werden.

Mehr sein kann bedeuten:

Ich bin da.

Ich nehme mein Leben ein.

Ich bin nicht zu viel.

Ich bin für dieses Leben gemeint.

Ich darf leben, fühlen, wachsen und sichtbar werden.

Aus meiner Sicht beginnt ein wichtiger Teil der Heilung genau dort: wenn aus der Angst vor dem Mehr-Sein langsam die Erlaubnis entsteht, wieder mehr ins Leben zu kommen.

Nicht als Forderung.Nicht als Druck.Sondern als vorsichtige, liebevolle Bewegung zurück zu sich selbst.

Denn manchmal ist die entscheidende Frage nicht nur:

Wie kann ich meine Essstörung loswerden?

Sondern auch:

Wie kann ich wieder mehr leben?


 
 
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